Ist es denn nun ein Resident Evil oder nicht? Diese Frage beschäftigte mich immer wieder während der recht kurzen Kampagne und rückblickend betrachtet würde ich sagen…nein. Warum, wieso und weshalb, das erfahrt ihr in den kommenden Zeilen.

Um eines gleich vorweg zu nehmen, das hier ist nicht das typische Resident Evil wie man es kennt, auch wenn man einen Charakter mit Knarre in bester 3rd-Person-View durch eine abgewrackte Zombie-Welt steuert. Denn bis auf diese wenigen Aspekte hat das hier nicht viel mit dem Original gemein. Die Story ist flach und wird in unterschiedlichen, mehr oder weniger zusammenhängenden Kapiteln aneinander geklatscht präsentiert und erzählt. Hier geschichtlich Spannung oder dergleichen zu erzeugen, ist also ein Ding der Unmöglichkeit. Die Charaktere sind zudem absolut austauschbar. Wer hier also eine spannende Geschichte mit vielen Kniffen und einprägsamen Charakteren erwartet, der läuft Gefahr enttäuscht zu werden. Man schlüpft hier lediglich in die Haut eines Mitglieds des Wolfpacks, so der Name der Umbrella-Truppe, welche Beweise vernichten und Schadensbegrenzung betreiben soll. Hier darf man vor Beginn einer Mission zwischen den nicht näher beleuchteten Charakteren, welche alle eine Maske tragen, keine nennenswerten Konversationen führen und somit mega blass bleiben, wählen und deren Ausrüstung im weiteren Verlauf zusätzlich durch verdiente EP`s aufrüsten. Abgesehen von einigen Gewähren, Handfeuerwaffen oder auch Minen, bekommt man allerdings nicht viel geboten. Die Protagonisten unterscheiden sich im übrigen, abgesehen vom äußeren Aspekt, durch eine Spezialfähigkeit wie zb. Unsichtbarkeit oder die Fähigkeit zu heilen. Wer hier gut im Team arbeitet, hat also tolle Chancen auf Erfolg. Die deutsche Sprachfassung ist unter aller Kanone und hätte nicht schlechter besetzt werden können, passt allerdings super zur Eingangs erwähnten faden und eintönigen Story, welche abgesehen von einigen Spannungsmomenten, erzählerisch nichts nennenswertes zu bieten hat, ganz zu schweigen von der recht kurzen Spielzeit. Man rennt und ballert, rennt und ballert, lacht bzw. weint über die KI, heilt sich fleißig, geht in Deckung und ballert munter weiter. Left 4 Dead-klassisch wenn man so will, nur im schlechteren Gears of War-Gewand.

Richtig modern wird’s bei der Steuerung, denn in diesem Resident Evil-Part darf man nun erstmals laufen und schießen…und das gleichzeitig, kaum zu glauben! Ich muss auch ehrlich zugeben, das ich Anfangs etwas überfordert mit dieser schieren Vielfalt an Gameplay-Freiraum. Ja, die Macher sind in Punkto Gameplay endlich in der Neuzeit angekommen und haben das auch weitesgehend toll umgesetzt. Das verleiht dem Ganzen natürlich unheimlich viel Dynamik und spielerischen Freiraum, nimmt allerdings auch etwas der bekannten Resi-Essenz, welche dieses „in die Enge getriebene“-Gefühl der Marke: „Schieße oder Laufe ich“, erzeugte. In jedem Fall fühlt es sich aber gut bzw. zeitgemäß an und auch sonst geht die Steuerung Shooter-typisch locker von der Hand. Ein Deckungssystem spendieren die Entwickler natürlich auch, dies ist für meinen Geschmack jedoch ehr gewöhnungsbedürftig, denn es löst sich automatisch aus, sobald man sich einer Wand, einem Schrank oder einer anderen Deckungsmöglichkeit nähert. Das erspart zwar einen zeitaufwendigen Tastendruck, wird allerdings spätestens dann nervig, wenn man sich einfach nur mal ein wenig umsehen möchte und der Charakter dann prombt und ohne zu fragen an jeder verdammten Ecke in Deckung gehen möchte. Aber seis drum, immerhin kann man jetzt laufen und schießen, und das gleichzeitig!

Beim Heilungssystem bleibt dagegen alles beim alten. Erste Hilfesprays stehen auch hier an vielen Ecken herum und dienen wie schon in den Vorgängern der Regeneration. Und um es euch nicht zu einfach zu machen, kann man auch nur ein Spray mit sich führen. Grüne Heilpflanzen sind selbstverständlich auch mit von der Partie, werden allerdings gleich verzehrt und nicht ins Inventar abgelegt, denn es gibt schlicht einfach kein Inventar. Auf unnötiges Nebengedöns hat man hier also komplett verzichtet wenn man so will und bis auf ein Heilungsspray, einiger Granaten, ein Anti-Virus-Spray  welches euch nach einem Biss wieder heilt und zwei Waffen welche über das Steuerkreuz bzw. die LB-Taste angewählt werden können, kann man nichts weiter mit sich führen bzw. herum experimentieren.

Die größte und quasi einzigste Stärke des neusten Ablegers liegt definitiv in der Atmosphäre, denn hier ist Resident Evil: Operation Reccoon City teilweise richtig stark und erinnert häufig wirklich an die gute alte Resi-Zeit. Dunkle verdreckte Räume, enge, verlassene, blutige Gänge und nur ganz vereinzelt gesetzte Lichtquellen dominieren hier das Geschehen. Und auch Architektonisch passt das gezeigte ziemlich gut zur Serie und der gute alte Grusel macht sich ruck zuck breit und erinnert vor allem Kenner an früher.

Apropos alte Zeiten, was noch prima an anno dazumal erinnert ist die Optik. RE:ORC bewegt sich in Grafiktechnisch nämlich irgendwo zwischen PS2-Niveau und den Anfängen der Ps3 und Co. Man will es kaum glauben wenn man das erste Mal die Disk einwirft und das Spiel startet, aber die Texturen sind größtenteils einfach nur unterirdisch und auch Bildfehler sind keine Seltenheit. Ja, das gesamte Design ist zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise auf einem vernünftigen technischen Stand. Egal ob Licht-oder Schatteneffekte, Schärfe in den Konturen, Charaktermodelle etc. pp. Optisch ist das hier ums genau zu nehmen also echte Frechheit für die heutige Zeit und vor allem für diese Serie, welche sich damals mit Teil 5 Optisch selbst übertraf. Hier merkt man dann also auch spätestens, dass das hier so gut wie nichts mit der Resident Evil-Reihe gemein hat.

Richtig gruselig wird’s allerdings erst bei der KI der Mitstreiter, denn diese sind stellenweise noch verfaulter im Kopf als die Untoten selbst. Hier bekommt man so ziemlich alles geboten was das virtuelle Suizid-Herz begehrt. Die Männer und Frauen des Wolfpack laufen beispielsweise munter durch Bombenfallen und fallen um, oder sie rennen fröhlich ins offene Feuer und verbrennen und das sogar im Team, oder sie bewegen sich erst gar nicht vom Fleck und bleiben am Startpunkt hängen oder aber, sie rennen gerade Wegs in eine Horde tollwütiger Zombies und bekämpfen diese einfach mal mit dem Messer! Um es also kurz zu machen, die clevere KI setzt alles daran so häufig wie möglich das Zeitliche zu segnen und euch zum lachen bzw. weinen zu bringen. Wer also auf menschliche Mitstreiter zurück greifen kann, sollte dies dringend tun, anderfalls sind die Untoten und Infizierten euer geringstes Problem. Solo-Spieler schalten zudem lieber in den leichtesten der Schwierigkeitsgrade. Eure Frustresestenz wird sonst nämlich im Dauereinsatz auf die Probe gestellt und die Entwickler haften definitiv nicht für herum fliegende Controller und zerbrochene Pannels.

Doch auch sonst hat RE:ORC abgesehen von der Stimmung nicht wirklich viel zu bieten. Neben dem linearen, abgehackten Überlebenskampf gibt es abseits der faden Handlung auch nicht viel zu tun, außer ein paar Laptops anzuklicken um Erfahrungspunkte zu sammeln oder dubiose Datenfragmente unterwegs einzustecken, welche überall verstreut herum liegen. Ja, selbst einen Splitscreen sucht man hier weit und breit vergebens und das, wo sich dieser doch geradezu aufdrängt. Kreativität und Abwechslung wurde bei dieser Entwicklung definitiv ganz klein geschrieben und die Macher legten nur das allernötigste in dieses Werk. Es gibt einfach zu viele Ecken und Kanten und ein rund um zufiedener Resi-Fluss bleibt abgesehen von der grandiosen Atmosphäre einfach aus.

FAZIT:

Ist es also ein Resident Evil? Ganz klar, Nein! Bis auf den Namen, welcher wohl maßgeblich für viele Käufe verantwortlich sein dürfte, und einiger weniger Parralelen, unterscheidet sich das hier nicht wirklich von einem durchschnittlichen 0815 Shooter mit infizierten Untoten. Wer also mal wieder Lust auf einen Zombie-Shooter mit hirnloser KI, flacher Erzählstruktur, fader Optik, schwacher Syncro, eintönigem Gameplay, jedoch in einem atmosphärisch starken Gewand hat, der kann hier beruhigt zuschlagen, denn zum kurzweiligen apokalyptischen rumm-ballern eignet sich das hier bestens, sofern man ein starkes Nervenkostüm oder eben menschliche Mitstreiter hat. Denn dann kann RE: ORC richtig Spaß machen, vor allem im Multiplayer. Ist man allerdings lieber Solo bzw. im Splitscreen unterwegs und auf der Suche nach einem ernstzunehmenden Resi-Ersatz mit einer Portion Tiefgang, toller Grafikpracht, interessanter Charakterzeichnung und Abwechslung, greift man besser zu einem Genre-Kollegen oder wartet einfach auf Teil 6.

65%